Das schwarze Schaf als Archetyp

Beim Durchlesen der Kommentare zu dem Beitrag über das Schaf im Tankstellenshop ist mir noch einmal deutlich geworden, dass die Konstellation des „schwarzen Schafes“ ganz offensichtlich nicht nur die Dimension persönlichen Leids beinhaltet. Natürlich steht dieses im Vordergrund meines Buches, meiner Arbeit mit betroffenen Frauen und Männern und auch dem Austausch hier auf der „schwarzen Herde“.

Aber das Bild des aus der weißen Herde ausgegrenzten schwarzen Schäfchens scheint schon fast so etwas wie ein Archetypus zu sein. Carl Gustav Jung verstand darunter Urbilder der menschlichen Existenz, die im Unbewussten angesiedelt sind.

Es kann kein Zufall sein, dass nicht nur ich selbst in eine eher unspektakuläre Pressemeldung so eine kleine Geschichte hineinkomponiert habe, sondern zwei sehr schöne Kommentare gepostet wurden mit ganz anderen, emotional sehr berührenden Wendungen.

Was für ein Archetypus ist das schwarze Schaf? Anders als der am Arbeitsplatz oder in der Schule Gemobbte erleben schwarze Schafe eine noch viel weiter reichende Ablehnung, nämlich den Ausschluss aus der Familie, also einer Gruppe, auf deren Akzeptanz und Liebe sie letztlich angewiesen sind. Insofern ist das schwarze Schaf der Archetyp des Ungewollten, der den Wert seines Daseins nicht aus der Erfahrung des Geliebt-Werdens ableiten kann, sondern sich selbst auf die Suche nach seinem Sinn in diesem Leben machen muss.

Foto © GlobalP (istockphotos.com)

Interessanterweise sind die „Lösungs“ansätze in den Kommentaren zu dem genannten Beitrag sehr unterschiedlich.

Mein eigenes schwarzes Schaf ist der Einzelkämpfer, der aus einem Scheitern seine Schlüsse zieht, nie aufgibt, aber so ein wenig als einsamer Wolf (und das bei einem Schaf!) unterwegs ist.

Marianne Kaindl hat dem Schäfchen den cleveren und lebenserfahrenen Helfer in Form des Schafbocks gegenüber gestellt und präsentiert damit ein ganz anderes Prinzip.

Caroline Eve formuliert die Sehnsucht, dass die Gemeinschaft zu der Erkenntnis gelangt, dass das schwarze Schaf ein sehr wichtiges Mitglied der Gruppe ist, es zu einer gegenseitigen Unterstützung und damit zum Ende der Ausgrenzung kommt.

Und dann gab es ja auch noch den Hinweis von Irene auf „Rita, das Raubschaf“, das die Variante „buntes Schaf“ auf den Plan ruft und die Befreiung in der entschlossenen Individuation sucht.

Wenn das schwarze Schaf ein Archetypus ist, dann einer, der die Notwendigkeit einer Lösung, eines Umgangs mit dem Thema, zwingend mit sich führt. Das Schicksal des schwarzen Schafes zwingt zu Entscheidungen. Hat man das verstanden, so erkennt man auch das Potential für Wachstum und „Erwachsen-Werden“, das alle schwarzen Schafe haben. Um diesen Zielen näher zu kommen, sind Distanz und „Loslassen“ unabdingbar.

Vielleicht sind schwarze Schafe mehr als andere Menschen genötigt, das Prinzip der Loslösung vom passiven Pol der Hoffnung und Sehnsucht und der Hinwendung zum aktiven Leben eigener Entscheidungen zu vollziehen.

Peter Teuschel

Foto © GlobalP (istockphotos.com)

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9 Kommentare zu Das schwarze Schaf als Archetyp

  1. Danke, das stimmt! Ich empfinde es irgendwie als beschämend, ein schwarzes Schaf zu sein, aber es stimmt – man ist gezwungen, Lösungen zu suchen und also: auf Sinnsuche zu gehen, sich zu entwickeln.

  2. osterhasebiene langnase sagt:

    Alle drei Aspekte/Geschichten beschreiben das schwarze Schaf sehr gut. Schwarze Schafe hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Fast in jeder Familie ist eins. Sie sind einfach „anders“ anders. Und das mit dem Archetypen ist schon recht treffend. Die versteckte Aufgabe des schwarzen Schafes ist, das Leben aktiv in die Hand zu nehmen und Farbe zu bekennen, das sehe ich auch so. Ja, sich nicht mit der Sehnsucht begnügen, sondern aktiv zu gestalten und zu verändern. Auch wenn man sich als schwarzes Schaf noch so gerne verstecken würde, wird man gefunden. Alles verweigern hilft nicht. Es ist ein Wesenszug. Ist es nun Fluch oder Gnade? Ich tendiere mittlerweile zu letzterem. Vielleicht kann man am Ende des Lebens dann sagen, dass man das Leben gewagt und herausgefordert hat – trotz schafhafter Angst. Dahinter steht das Leistungsprinzip, ein Auftrag.

  3. Sabine sagt:

    Da bin ich doch lieber ein einsamer Wolf, als ein geschundenes Gruppenschäflein. Wahlverwandtschaften haben doch offensichtlich was für sich, da man sich bei denen nicht mit unliebsamen Eigenschaften herumschlagen muss. Und angewiesen war ich noch nie auf die (ohnehin mangelne) Zuwendung und Zuneigung meiner Ex-Familie. Da ich diejenige war, die ständig und immer stets völlig selbstverständlich (also nicht der Rede wert im doppelten Sinne) für die anderen die Kohlen aus dem Feuer geholt hat, bin ich mit dem Cut sehr viel Ballast losgeworden. Nicht nur schräge Typen, sondern auch ständige Fürsorge für deren Bequemlichkeit. Aber aus dem Hamsterrädchen muß man erstmal aussteigen können, wenn man darauf gedopt wurde, wie der pawlowsche Hund. Erlerntes Kinderverhalten prägt einen eben fürs ganze Leben.

    • osterhasebiene langnase sagt:

      Ja, das Aschenputtel muss erst noch die Erbsen aus der Asche holen, während die anderen sich amüsieren auf den Ball…Archetypen haben schon was gutes. Hoffentlich glückt der Ausstieg auch so gut wie im Märchen. Ich glaube immer noch ganz fest daran und halte Ausschau nach den „Helfer“-(Tieren). Erst gestern habe ich wieder zwei weiße Turteltäubchen gesehen und neulich fand ich nacheinander drei Federn: zuerst eine schwarze, dann eine schneeweiße und zuletzt eine schwarz-weiße. Was hat da zu bedeuten? These – Antithese – Synthese: ENTWICKLUNG…

      • osterhasebiene langnase sagt:

        Es gibt 1000 Wege, um den Sinn des Lebens zu suchen umd zu finden. Ich kenne nur meinen eigenen wirklich. Und tauschen möchte ich auch mit niemand anderem, weil es eben mein Weg ist. Mir haben Märchen und Mythen immer schon geholfen, weil keine Theorie diese Komplexität ausdrücken kann. Für mich ist das schwarze Schaf ein Archetyp, schon wegen der Mehrdeutigkeit. Es ist eben nicht einfach nur ein Schaf mit schwarzem Fell. Ob man das Potential dann positiv oder negativ umsetzt hängt wiederum von vielen Gegebenheiten ab.

  4. maro sagt:

    „Mein eigenes schwarzes Schaf ist der Einzelkämpfer, der aus einem Scheitern seine Schlüsse zieht, nie aufgibt, aber so ein wenig als einsamer Wolf (und das bei einem Schaf!) unterwegs ist.“

    Den einzelkämpfenden, einsamen Wolf trifft es recht gut.
    Abgelehnt und unerwünscht ist eine eher nette Formulierung.

  5. Sophie sagt:

    Müssen wir uns nicht alle mehr oder weniger alleine auf den Weg nach dem Sinn des Lebens machen? Spielen ausschließlich die Erfahrungen in der Ursprungsfamilie eine Rolle? Ich denke, man kann das nur nicht auf eine Ursache zurückführen.
    Ich es wirklich ein Wesenszug, der einem auch durch ein anderes, nahes stützendes und schützendes Umfeld keine freie Entfaltung zuließe?

    Es gibt sicherlich Menschen, die es gar nicht erst versuchen Loslösung aus der Rolle zu finden und sich im Leben nur treiben lassen. Die sich mit ihrer angestammten Rolle arrangieren, weil ihnen die Kraft oder Einsicht in Veränderung und dem Entwachsen oder Weiterwachsen fehlt.

    Gibt es nicht auch schwarzen Schafe, die in der grauen, weißen und bunten Masse anderer Schafe ohne negative Erfahrungen angenommen werden und der Sinnsuche so einen ganz anderen Stellenwert geben?

    Erkennt sich jedes Schwarze Schaf auch als Schwarzes Schaf? Schließe dies nicht die notwenige Hinwendung zu aktiven Lösungssuche als Voraussetzung aus?
    Und wenn man erkannt hat, dass man im Übermaß in Gegensatz zu anderen zu Entscheidungen gezwungen ist, kann jedes Schwarze Schaf diese auch treffen und umsetzen? Können sich wirklich alle schwarzen Schafe auf die Suche nach ihrer ganz eigenen Freiheit machen?

    Archetyp, kollektives Unterbewusstsein? Die These trifft sicherlich auf viele Schwarze Schafe zu, – diejenigen, die den Weg u. a. zu Ihnen oder Ihren Kollegen in eine Praxis finden – meines Erachtens jedoch auf alle.

  6. Frida sagt:

    “Vielleicht sind schwarze Schafe mehr als andere Menschen genötigt, das Prinzip der Loslösung vom passiven Pol der Hoffnung und Sehnsucht und der Hinwendung zum aktiven Leben eigener Entscheidungen zu vollziehen.“
    Diese Worte von Herrn Teuschel kann ich nur bestätigen. Ich verstehe darunter vor allem das Warten auf die (elterliche/ geschwisterliche) Liebe. Auf diese Liebe zu warten, bedeutet, auch immer wieder neue schmerzhafte Enttäuschungen in Kauf nehmen zu müssen. Jeder erwachsene Mensch hat das Recht aufzustehen und zu sagen, dass er nicht mehr länger auf diese (elterliche/ geschwisterliche) Liebe wartet (und warten muss). Damit kann er sich auch vor ständig neuen schmerzhaften Enttäuschungen bewahren, nämlich dann, wenn er dieses Recht für sich in Anspruch nimmt.
    Das lässt und wird ihn in den Augen seiner Umgebung, vor allem auch in seinen eigenen, viel würdevoller erscheinen lassen, weil ein Mensch, der sich für seine Rechte einsetzt, nicht nur würdevoller wirkt, sondern es auch wirklich ist. Die Inanspruchnahme seines Rechts (mit dem Warten auf die Liebe aufzuhören) , eine solche Entscheidung treffen zu dürfen und sie auch zu treffen,
    kann einem schwarzen Schaf also auch seine Würde wiedergeben, seine Würde, die oft mit Füßen getreten und ihm manchmal fast vollständig geraubt wurde.
    Ich bin froh, dass es Therapeuten gibt, die den Menschen Mut machen, für ihre Rechte und somit auch für ihre Würde einzutreten, Herr Teuschel ist einer davon und es werden hoffentlich immer mehr. Das macht mir persönlich Hoffnung.

  7. osterhasebiene langnase sagt:

    Das kann ich nur unterstreichen. Würde und Integrität bekommt man durch Handeln und Entscheiden wieder zurück. Schwierig ist nur die richtige Unterscheidung zu machen (aus Sicht des schwarzen Schafs) oder zu erkennen, wann man eine echte Chance hat und wann nicht. Es besteht die Gefahr, alle Liebe kategorisch abzuweisen. Wobei Alleinsein allemal besser ist, als der unwürdige Wartezustand in der 2.Klasse. Es ist die große Frage des Selbstbewußtseins, das man parallel unbedingt aufbauen soll – wie auch immer man das anstellen mag.

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