Butterbrezenattacke oder Das schwarze Schaf in Augsburg

Mit Augsburg verbindet mich so einiges. Ende der 1980er/ Anfang der 1990er Jahre war ich dort als Assistenzarzt im Bezirkskrankenhaus (Psychiatrie) und im Zentralklinikum (Neurologie) tätig. Außerdem ist mein älterer Sohn in Augsburg geboren.

Gerne habe ich deshalb der Fuggerstadt am 30.6.2015 wieder einmal einen Besuch abgestattet. Anlass war die Einladung des Evangelischen Forums Annahof zu einem Vortrag über „Das schwarze Schaf“.

Nachdem ich am Vormittag noch Sprechstunde und am Nachmittag noch ein Vorstellungsgespräch hatte, knurrte mir bei der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof doch etwas der Magen und ich beschloss, hier mit einer Butterbreze für Abhilfe zu sorgen. Kurz ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass so eine Butterbreze vielleicht auch eine etwas ungünstige Wahl sein könnte, aber schon war sie bestellt.

Aggressive Killerbrezen

Aggressive Killerbrezen

Beim ersten Bissen, dem wirklich allerersten, landete ein kleines Brezenteil auf meinem Hemd und blieb mit der Butterseite an selbigem haften. Wie nicht anders zu erwarten, waren Reinigungsversuche mit klarem Wasser erfolglos. Also musste in Augsburg ein neues Hemd her und so führte mich mein erster Gang in ein Bekleidungsgeschäft.

Nachdem solchermaßen die ersten Hürden genommen waren, fragte ich mich, wie viele Zuhörer bei bestem Biergartenwetter sich wohl den Vortrag „antun“ würden.

Erfreulicherweise war der Saal im Annahof gut gefüllt. Die Herrenquote betrug bis kurz vor Beginn des Vortrags noch etwa 1%, aber dann kamen doch noch einige meiner Geschlechtsgenossen. Besonders gefreut habe ich mich, dass wieder einige bekannte Gesichter unter den Zuhörern waren. 🙂

Michael Kaminski führte gewohnt locker und charmant durch den Abend. Nach dem Vortrag, der etwa eine Stunde dauerte, gab es noch eine sehr lebhafte Diskussion. Diesmal stand vor allem die Frage im Mittelpunkt, in wie weit Versöhnung/ Vergebung/ Verzeihung als Bewältigungsprinzip bei schwarzen Schafen eine Rolle spielen könnte. Während ich da aufgrund meiner Erfahrung sehr skeptisch war, dass so etwas gelingen kann, war in der Zuhörerschaft der Wunsch nach Aussöhnung mit den Eltern doch sehr groß. Den Schlusspunkt setzte dann allerdings eine Zuhörerin mit dem klaren Statement, dass bei ihr erst der deutliche Abstand von der Familie die persönliche Befreiung gebracht habe – eine Aussage, die ich im Gespräch mit vielen schwarzen Schafen (und letztlich auch hier auf der Seite und im Forum!) sehr häufig höre (respektive lese).

Alles in allem war es ein sehr gelungener Abend mit vielen Anregungen auch für mich.

Sogar ein „Beweisfoto“ wurde mir zur Verfügung gestellt – Dank an den Fotografen!

DsS Augsburg

Michael Kaminski, das Schaf und ich (von rechts) Bild:©JS

Mein Fazit des Abends ist, dass die Thematik des schwarzen Schafes aktueller ist denn je. Ich glaube, die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat gerade erst begonnen.

Insofern habe ich sehr zufrieden und bei schönem Abendrot wieder den Heimweg von „Datschiburg“ nach München angetreten.

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Peter Teuschel

 

 

 

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29 Kommentare zu Butterbrezenattacke oder Das schwarze Schaf in Augsburg

  1. Tam Tam sagt:

    Und der Vortrag war Spitze !
    Ich denke an alle die, die Ihn trotz Biergartenwetter verpasst haben sollten.
    Solltet Ihr wieder einmal die Möglichkeit bekommen, Ihn zu hören so nutzt Sie.
    Wo sonst bekommt man für 5 € Eintritt einen Fachmann der jede Frage beantworten kann.

  2. maro sagt:

    „Die Auseinandersetzung mit diesem Thema hat gerade erst begonnen …“ hat ein wenig Tröstliches. So besteht doch Hoffnung auf mehr und verständige Erkenntnisse, die dem „schwarzen Schaf“ stärker gerecht werden könnten.

    • maro sagt:

      PS: Das Fitzelchen Butterbreze wollte bestimmt mit zum Vortrag und hat sich deshalb vorwitzig ans Hemd geklebt. Am Stehpult angekommen wäre es dann in die schwarze Wolle des schönen schwarzen Schafs gehüpft (*juchhuuu*) … und hätte sich wohlig darin „gebadet“. 🙂 🙂

  3. Onrebus sagt:

    Ich glaube, was Dr.Teuschel hier schildert, nennt sich >Murphys Gesetz<: Das funktioniert nicht nur mit Butterbrezen, sondern mit jeder beliebigen Speise – und selbstverständlich immer dann, wenn es am wenigsten passt!
    Irgendwie gingen meine Gedanken in der Szenerie weiter: Im Geschäft, beim Kauf eines neuen Hemdes, liegt eines von Dr. Teuschels Büchern auf dem Tresen. Die Verkäuferin erkennt den Autor, und für eine Signatur gibts einen Preisnachlass… Und hernach eine Zuhörerin mehr.
    Zum Thema Versöhnung: Ich glaube daran! Auch wenn ich zugeben muß, dass meine Erfolge damit zu wünschen übrig lassen. Ich bin eigentlich ganz anders. Leicht erregbar. Meine cholerische Ader halte ich für meine größte Charakterschwäche. Meine Zunge ist gern mal schneller, als mein Kopf, und Worte können verletzen, wie Peitschenhiebe.
    Ich bin schon oft verletzt worden. Und trage viele Narben auf der Seele. Besonders merke ich das im Umgang mit meinem Vater. Zumal er Vergebung als Schwäche abtut. Und so manches Mal lege ich in Gedanken meine Hände um seinen Hals. Und das Elternhaus ist ja oft nur die Keimzelle, aller Probleme. Wie sich um einen Stein, den man ins Wasser wirft, konzentrische Kreise bilden, so erleben wir täglich neue Situationen,die uns alle Beherrschung kosten.
    Wem ich freundlich, und ruhig, begegne, obwohl ich ganz anders fühle, schütte ich meinem Gegenüber "glühende Kohlen auf das Haupt. Soweit diie Theorie.
    Ich denke, einen Versuch ist es immer wieder wert. Irgendwann klappt es…vielleicht!
    Ich persönlich kann nur einem Menschen auf diesem Planeten nicht vergeben:
    Mir selbst.
    Viele Grüße von Onrebus

  4. osterhasebiene langnase sagt:

    Vergebung ereignet sich dann „von selbst“, wenn im Leben etwas gefunden wird, das wichtiger ist als Vergeltung. So etwas wie eine eigene Lebensaufgabe oder ein „Ruf“. Dann ist alles andere nicht mehr so wichtig und das „kleben“ an der Familie findet ein (natürliches) Ende. Jeder kann gehen, wohin er möchte. Sich entscheiden, wofür er möchte: „gut“ oder „böse“. Jeder trägt die Verantwortung für sein Leben. Ich tue, was ich für richtig halte, was du tust, ist deine eigene Entscheidung. Ich glaube, einen anderen Weg gibt es nicht. Jedes „künstliche“ Verzeihen wollen (aus dem Kopf) ist zum Scheitern verurteilt, weil immer ein Rest bleibt, ein „aber“. Das ist meine Erfahrung und Überzeugung.

  5. cindy sagt:

    Ein schöner und auch lebhafter Bericht von Herrn Teuschel!!!!
    Vergebung würde es bei meiner Ursprungsfamilie eventuell nur dann geben, wenn ich selbst auf Knien angerutscht käme und mich mal wieder zum Sündenbock machen lassen würde und dann wäre doch wieder alles wieder beim Alten – nein Danke!!!!

  6. maro sagt:

    Der deutliche Abstand zur Familie ist m. E. die letzte Konsequenz, wenn alle Versuche der Klärung, Akzeptanz des Leids/Verletzungen und damit die Übernahme der Verantwortung durch die Mutter und den Vater gescheitert sind. Sind Eltern nicht bereit die Verantwortung für ihre gemachten Fehler zu übernehmen, hat das „schwarze Schaf“ nicht die Wahl zwischen Vergeben und nicht Vergeben. Die Verletzungen werden nicht anerkannt und damit nicht gelindert. Ein gemeinsames Betrauern zwischen Betroffenem und Eltern ist die erste und eine echte Chance zu einer wirklichen Annäherung. Findet dies nicht statt, wird Vergebung verhindert, obwohl der Wunsch nach Vergeben besteht. Gerade auch deshalb, weil der natürliche Wunsch nach einer guten Beziehung zu Eltern (und Geschwistern) besteht. Ohne Anerkennung des erlebten Leids verbleibt ein Schmerz. Der Betroffene muss dann mit dieser Diskrepanz ein Leben lang klarkommen. Dass dies eine schwere „Aufgabe“ ist, wird m. E gesamtgesellschaftlich unterschätzt und somit nicht ausreichend betrachtet. Besonders dort, wo Gefühle in einer niedrigeren Hierarchiestufe gesehen werden.

    • maro sagt:

      Susan Forward stimme ich voll zu. Sie hat den Punkt Vergebung sehr gut zusammengefasst (Seite 12 im Heft Nr. 41 Psychologie Heute compact). An dieser Stelle mein Dank an H. Teuschel für den Hinweis zum Heft 🙂

  7. osterhasebiene langnase sagt:

    Es ist im Grunde die Aufgabe jedes Menschen, sofern er es will, sich von fremden Zuschreibungen frei zu machen. Menschen sind aufgrund ihrer Fähigkeit zur Selbsttranszendenz dazu in der Lage. Die Schwarze-Schaf-Rolle ist m. E. sogar eine einmalige Gelegenheit zur Umsetzung. Da man ja sowieso schon der in Ungnade „gefallene“ Engel ist, hat man ja nicht mal mehr so viel zu verlieren. Dass es schwer ist, ist keine Frage. Aber auch eine einmalige Gelegenheit. Ist man aber mal auf dem „richtigen“ Weg, kommt Hilfe von überall. Denn ich glaube jeder Mensch trägt den Wunsch nach Befreiung in sich, somit auch den Wunsch anderen dabei behilflich zu sein. Die Befreiung anderer führt zur eigenen Befreiung und umgekehrt. Das Problem ist vielleicht für manche, daran zu glauben. Auch die Familie ist von diesem Prozess nicht ausgeschlossen.

  8. Sophie sagt:

    „Alles verstehen, heißt alles verzeihen.“ Madame de Steal

    Vergeben und Verzeihen sind für zwei unterschiedliche Seiten einer Medaille. Sich physisch von seinen Peinigern zu trennen, ist unbestreitbar ein wichtiger Schritt.

    Dennoch glaube ich nicht, dass es ausreicht, – „So etwas wie eine eigene Lebensaufgabe oder ein „Ruf“. Dann ist alles andere nicht mehr so wichtig und das „kleben“ an der Familie findet ein (natürliches) Ende.“ – sich ausschließlich „Anderen(m)“ zuzuwenden.
    Ich sehe darin die Gefahr, ganz schnell an der nächsten „vermeintlichen“ Familie zu kleben, wieder seinen unerfüllten Hoffnungen und Wünschen hinterher zu hecheln und erneut seine Erwartungen nicht bestätigt zu finden.

    Wenn ich verstehen kann, warum das Verhalten und die Handlungen meiner Familie mich in diese „exklusive Lage“ (witzige Doppeldeutigkeit) gebracht haben – vielleicht, weil sie auf Grund ihrer eigenen Geschichte, schwieriger Lebensumstände und -erfahrungen nicht die Möglichkeit hatten, zu lernen sich selbst zu reflektieren und damit „unfrei“ sind, sich zu verändern, auf mich anderes eingehen zu können, ihre Boshaftigkeit hinter selbst erlittenen Traumatisierungen und Kränkungen zu verstecken – kann ich verzeihen.

    Das Anerkennen, dass er genauso ein Mensch mit Fehlern, wie ich es bin, ist, ermöglicht mir erst das Verzeihen.
    Ich verzeihe dem Menschen, das muss er noch nicht mal wissen. Das verschafft mir emotionalen Abstand, eine Möglichkeit abzuschließen, weil ich die erlittenen Kränkungen (die mich krank machenden Gefühle und eigenes Verhalten) besser verarbeiten kann.

    Verzeihen heißt für mich nicht, darauf zu warten, dass sich jemand entschuldigt oder Einsicht in sein Fehlverhalten bekommt und damit plötzlich und über Nacht eine bessere Beziehungsebene aufgebaut werden kann. Sowas halte ich für schlichtweg unrealistisch. Mag sein, dass es Ausnahmen gibt. Das kann ich von anderen genauso wenig erwarten, wie sie von mir.
    Vergeben bedeutet für mich, ganz konkrete Handlungen (man made desaster) entschulden zu können. Verstehbar sind sie vielleicht in einem beruflichen Kontext für Kriminologen, was nicht bedeutet, dass sie solche Taten gutheißen.
    Jeder andere Mensch wird sich mit Verständnis schwer tun. Dies, denke ich, ist von jedem Opfer zu viel verlangt. Niemand erwartet von einem Tsunami-Opfer, den Erdmantel um Entschuldigung zu bitten, selbst wenn er versteht, wie solche seismographischen Katastrophen ausgelöst werden.

    Vergebung ist schon aus dem Grund sehr selten möglich, weil viele ihr Schuld nicht erkennen. Wie soll man ihnen Achtung schenken, wenn Aufrichtigkeit nicht anzunehmen ist?
    Noch schwieriger wird es, wenn sich alle Täter aus dem Staub gemacht haben bzw. zu Staub geworden sind.
    Dann ist Verzeihen ein durchaus wichtiger Schritt, um sich selbst letztendlich verzeihen zu können.

    Ich bin froh, dass ich Vergebung erleben konnte, was ich nie für möglich gehalten und schon lange darauf zu hoffen aufgehört hatte.
    Seine Schuld bestand darin, weggesehen zu haben. „Ich konnte und wollte nicht hinsehen.“ – der Satz hat mir völlig gereicht, weil er aus tiefstem Herzen und mit echtem Bedauern rüberkam. In so einem Augenblick erwidert man nicht in gehobenem Pathos: „Ich vergebe Dir.“ – Ein: „Ist schon gut.“, kann sehr entlastend sein.

  9. maro sagt:

    Mit der Antwort „Ich wollte und konnte nicht hinsehen“ ist bereits das Zugeständnis erfolgt. Es ist eine Anerkennung der Geschehnisse/Taten und damit ein Ja; es ist tatsächlich passiert. Das finde ich auch ausreichend, um frei werden zu können. Es muss nicht explizit eine Entschuldigung ausgesprochen werden. Das wirklich Wichtige ist, dass das Annehmen der Verantwortung mit echten Gefühlen einhergeht. Dann wurden die Fehler (bei sich als Eltern) übernommen und damit eine Trennung zwischen der Verantwortung von Eltern und Tochter/Sohn gemacht. Das ist deshalb wichtig, weil die/der Betroffene dann tatsächlich Entlastung erfährt, das ist sogar körperlich spürbar.
    Die Gefahr der Wiederholung, wie Sophie es in den ersten Absätzen beschrieben hat, sehe ich ebenso.

  10. osterhasebiene langnase sagt:

    Ich habe aufgehört, meine Familie zu therapieren. Sie sind wie sie sind und ich habe lange darüber nachgedacht, warum sie so sind, so geworden sind. Ich habe Theorien aufgestellt, ob meine Erkenntnisse letztendlich richtig sind, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Was ich aber weiß ist, dass ich das, was mich verletzt hat, nicht an andere weitergeben möchte und dass ich herausfinden muss, was ich wirklich will und was zu mir passt, also eine Lebensaufgabe. Die Muster-Kette muss unterbrochen werden. Dazu bedarf es mehr als Verstand. Intuition und Gefühl sind die besseren Wegweiser. Den Weg der „neuen“ Familie bin ich auch schon gegangen und es ist, wie Sie oben ganz richtig erkennen, das „Gleiche in grün“, aber vielleicht schon mit einem Tic Abstand. Die „Beiß“-Hemmung ist schon eine Stufe herabgesetzt. Aber letztendlich bringt jeder Kampf im außen nicht viel. Man schärft den Verstand und seine Abwehrkräfte und muss sich aber letztendlich doch wieder mit der Ursache (die eigene Familie) beschäftigen. Wichtig ist mir in meinem ganzen Ringen um die persönliche Wahrheit, dass ich nicht aus der Liebe falle. Das bedeutet, auch die „Feinde“ noch in gewisser Weise lieben zu können, ohne ihnen aber weiterhin zu erlauben, das eigene Leben zu beeinträchtigen, also strikte Abgrenzung und mit sich selbst in Kontakt bleiben. Ich höre sehr genau in mich hinein und wenn mir mein Bauch ein ungutes Gefühl meldet, nehme ich das sehr ernst. Manchmal macht es aber einfach noch Spass, die Waffen an einem auswertigen „Kriegsschauplatz“ zu wetzen, auch wenn ich weiß, dass dies letztendlich sinnlos ist. Dabei gehe ich aber nie so weit, andere zu verletzen, also fairer Kampf. Und dies alles ist für mich verzeihen, kein einmaliger Akt, sondern ein lebenslanger Prozess.

    • Sophie sagt:

      „Dazu bedarf es mehr als Verstand. Intuition und Gefühl sind die besseren Wegweiser.“

      Ich glaube nicht, dass man das trennen kann.
      Intuitives Verstehen löst automatisch Gefühle jeglicher Art aus. Die Wahrheit wird man ohnehin nicht erfahren, da man nicht in den Schuhen seiner Eltern steckt.
      Wenn ich versuche zu verstehen, warum sie so reagiert haben könnten und wie ich mich mit ihren Erfahrungen in ähnlichen Situationen verhalten hätte, kann ich eher die Musterkette unterbrechen.

      Wie oft erlebe ich, dass ich denke, Du reagierst genauso oder ähnlich wie sie.
      Ich kann ja nicht leugnen, dass sie mir das vorgelebt haben und es mich heute noch beeinflusst. Wenn ich sie verstehe, kann ich mich auch selbst besser kennenlernen und versuchen, es nicht zu wiederholen. Davon auszugehen, sie hätten nicht Liebe gehandelt, meine Liebe die bessere ist und sie als „Feinde“ zu betrachten, empfinde ich nicht als hilfereiche Ausgangsbasis. Wer gibt mir das Recht dies zu beurteilen.

      Und ja das ist ein lebenslanger Prozess.

      Ob man es gut oder besser gemacht hat, können einem sowieso nur die eigenen Kinder bestätigen.

      Nur auf meine Gefühle zu hören und intuitiv, unrefllektiert zu handeln, halte ich eher für impulsiv und einen schlechten Ratgeber. Was nicht heißt, dass mir das nicht passiert. :blush:

      • osterhasebiene langnase sagt:

        Es bedarfs mehr als Verstand heißt, dass der Verstand in vollem Umfang beteiligt ist. Bestimmt gebe ich nicht den Rat, unreflektiert zu handeln. Und zweitens geschieht in derErziehung vieles aus Liebe, was beim anderen aber nicht so ankommt. Und das beurteile ich dann auch danach, wie es auf mich gewirkt hat. Das Recht nehme ich mir. In der Liebe bleiben heißt nichts anderes als auf Rache oder Vergeltung verzichten. Einen konstruktiven Weg finden, der aber möglicherweise dem anderen nicht passt. Drittens gebe ich keine Ratschläge, sondern erzähle aus meiner Erfahrung, was nicht auf die Situation anderer unbedingt anwendbar ist.

  11. Frida sagt:

    Es ist bei diesem Thema wichtig, die Wahrnehmungen der Eltern nicht außer Acht zu lassen, die sich grundlegend von denen der (erwachsenen) Kinder unterscheiden können.
    Diese Eltern erwarten von ihren Kindern Zuwendung, Liebe und Anbetung, sie haben das Recht, von ihren Kindern beachtet, beschützt und in ihren Bedürfnissen gesehen und befriedigt zu werden. Sie haben das Recht darauf, ihr Kind zu „verbessern“ und zu „verändern“, bis es ihren Wünschen und Vorstellungen entspricht. Die Kinder haben die Pflicht, sich nach den Bedürfnissen des jeweiligen Elternteils auszurichten und ihnen Liebe und Geborgenheit zu geben, diesen Ansprüchen haben sie alles unterzuordnen und alles was sie tun und alles was sie sagen, muss das jeweilige Elternteil in seiner/ihrer Eigenliebe
    bestätigen. Die Kinder sind vom Tag ihrer Geburt an schlecht, ihre Krankheiten bereiten den Eltern Unannehmlichkeiten, sie sind schuld an ihren Beziehungsproblemen, Streitigkeiten, vermehrter Hausarbeit durch ihre Existenz. Diesem Aufwand müssen die Eltern ihre Jugend, Schönheit und Zeit (und vieles mehr) opfern und sie sind schuld, dass sie die große Karriere nie für sich selbst verwirklichen können, sie müssen ihr Leben was ihnen zusteht, für diese Kinder aufgeben und sie fühlen sich durch ihre Kinder im Stich gelassen, werden von ihnen enttäuscht, unterdrückt, und ausgebeutet.
    Die Frage nach Versöhnung und Verzeihen kann also schwer zu beantworten sein, denn wer hat wem etwas zu verzeihen, wer ist wem etwas schuldig geblieben?

    • Sophie sagt:

      Wenn man sich für eine Elternschaft – freiwillig oder unfreiwillig – entscheidet, bürdet man sich selbst eine Verantwortung auf. Diese Verantwortung beinhaltet für mich das Zurückstellen eigener „Jugend, Schönheit und Zeit“ und Bedürfnisse.

      Wo steht geschrieben, dass es ein Recht darauf gibt, diese von seinen Kindern jemals zurückzufordern?

      Egal welche herausfordernden und fordernden Schwierigkeiten ein Kind seinen Eltern bereitet, es hat diese niemals bewusst und absichtlich verursacht. Es hat niemals darum gebeten, diese Eltern zu bekommen.

      Es gibt eine gesetztliche Pflicht der Kinder für ihre Eltern aufzukommen – aber niemals eine moralische, auf unfreiwiliger Dankbarkeit beruhende.

      Ich frage mich gerade, worin der Unterschied zwischen Schwarzen Schaf und Sündenbock besteht.

      • Frida sagt:

        Die Wahrnehmungen der Eltern nicht nur vom Verstand her zu begreifen, sondern auch wirklich fühlen zu können, das braucht Zeit.
        Nehmen Sie sich diese Zeit und lassen Sie sich Ihre eigenen Wahrnehmungen von niemandem ausreden und bleiben Sie Ihren eigenen Wahrnehmungen treu. Damit bleiben Sie auch sich selbst treu. Es braucht Mut, die Wahrnehmungen der Eltern in Frage zu stellen und überhaupt viele Fragen zu stellen, zu viel auf einmal geht nicht. Sie haben schon viel Mut und je mehr Zugang Sie zu sich selbst bekommen, umso mehr Mut werden Sie haben, das auch in Zukunft zu tun.

  12. maro sagt:

    Bei Themen, wie die „Aussöhnung“, geht es sehr um die eigene „seelische“ Haut, die jede/jeder zu schützen versucht. Das ist verständlich. Das Thema bewegt, es geht nahe. Besonders bei beschädigter Identität. Von einem Missbrauchsfall ist mir bekannt, dass eine Aussöhnung nicht möglich war. Eine Bekannte, die eine Therapie machte, verarbeitete ihre Geschichte „relativ“ leicht. Zwei völlig verschiedene Reaktionen der Verarbeitung. Im Missbrauchsfall waren die Schmerzen bis ins hohe Alter geblieben. Die Therapie war insofern hilfreich, so dass keine weiteren Schäden folgten und das Leben der betroffenen Person erhalten blieb. In der Situation der Bekannten war der Umgang mit den Themen schneller „erledigt“. Wozu berichte ich das? Ich möchte damit zeigen, dass m.E. Aussöhnung mit den Eltern sehr davon abhängt WAS vorgefallen ist, in welcher INTENSITÄT, in welchem KINDESALTER und über welchen ZEITRAUM. Des Weiteren spielt die Persönlichkeit des Kindes eine wichtige Rolle (robust, zart, etc.). In der therapeutischen Verarbeitung als Erwachsener ist es wichtig wie gut man die Dinge benennen kann, wie ernst man sich selbst nimmt, wie viel die Psyche verkraftet und zulassen kann, und wie gut die/der Therapeutin/Therapeut in der Begleitung ist. Und DEFINITIV wie gut die Beziehung zwischen Therapeut und Patient ist. Das alles spielt m.E. dabei eine wichtige Rolle, wie gut die Verarbeitung funktioniert, in welcher Tiefe/Qualität und ob es zur Aussöhnung mit den Eltern kommen kann. Auf Seiten der Eltern ist es die Frage, inwieweit sie sich auf das Leiden/Schmerzen ihres Kindes einlassen wollen/können, ihre Verantwortung für die Vorfälle, bzw. ihre Taten gegenüber dem Kind in der Kindheit (nicht im Erwachsenenalter ihres Kindes!) übernehmen und ihre dadurch entstehenden Schuldgefühle aushalten.
    Perspektivwechsel: Versetzen wir uns in die Lage der Mutter, die von ihrem erwachsenen Kind OHNE Schuldzuweisungen, sondern ruhig und wertfrei auf damalige Vorfälle/Taten angesprochen wird. Will ich als Mutter mein Kind halten (nicht verlieren), weil ich es liebe? Was ist stärker – das Schuldgefühl oder die Liebe zum Kind? Ist es nicht eine enorme Chance für Eltern, sein in Therapie befindliches Kind, anzunehmen und zusammen zu kommen?

    Die Frage wer wem etwas zu verzeihen hat, wird in der Fachwelt so thematisiert, dass Eltern Verantwortung für das Wohl des Kindes tragen (Auf körperlicher, geistiger, seelischer Ebene, Förderung lebensnotwendiger und entwicklungstypischer Aspekte.) Eltern haben die Pflicht für das Wohl des Kindes zu sorgen. Ist das nicht gewährleistet, mit der Folge von (späteren) Schäden, tragen Eltern die Verantwortung (nicht die Frage nach Schuld!) für das was in der Kindheit des Kindes vorgefallen und schief gelaufen ist. Auch wenn sie dies ablehnen. Im Kindesalter kann kein Kind für sich selbst sorgen und ist angewiesen auf die Hilfe/Unterstützung der Eltern, da es noch nicht voll entwickelt ist.
    Als Erwachsener liegt die Verantwortung beim Erwachsenen, ob er/sie Hilfe in Anspruch nimmt. Diese Entscheidung ist nicht den Eltern aufzubürden. Es bleibt in der Verantwortung des Erwachsenen, wie der Weg weitergeht – mit Therapie oder ohne. Im letzteren Fall habe ich allerdings Bedenken, dass die Verarbeitung zum einen wesentlich länger dauert, ein Sich-im-Kreis-drehen passiert, und keine wirkliche Abklärung stattfinden kann, da das „professionelle Werkzeug“ fehlt. Selbst Psychoanalytiker müssen eine lange Lehranalyse durchlaufen, bevor sie behandeln dürfen. (@Herr Teuschel: Korrigieren Sie, wenn es anders ist.) Dies ist auch deshalb wichtig, damit keine Gegenübertragung stattfindet. Das Thema Übertragung/Gegenübertragung halte ich auch für sehr, sehr wichtig, genauso wie das Thema Aussöhnung.

  13. Sophie sagt:

    Auf jeden Fall ein sehr polarisierendes Thema:

    „Während ich da aufgrund meiner Erfahrung sehr skeptisch war, dass so etwas gelingen kann, war in der Zuhörerschaft der Wunsch nach Aussöhnung mit den Eltern doch sehr groß.“

    Das muss man als Kind schon schmerzlich erfahren, nicht jeder Wunsch erfüllt sich; doch die Hoffnung darauf sollte man nicht aufgeben.

    Professionelle Hilfe in oder her, mit oder ohne – ich stelle immer wieder fest, dass ich meine eigene Lern-Anal-yse letztendlich alleine durchwaten muss, um Bodenhaftung zu bekommen und das oft mehrmals 😉

    • maro sagt:

      Die Therapie hat wesentliche Vorteile, denn die Erinnerungsarbeit ist m. E. unverzichtbar, wie auch diffizile Prozesse richtig zu kanalisieren und zwischen dem eigenen Problem und dem Problem anderer zu trennen. Das ist m. E. ohne professionelle Begleitung nicht möglich, insbesondere bei komplexen Themen. Die Erinnerungsarbeit ist ohne Hilfe nur sehr eingeschränkt möglich (z. B. bei Abspaltung). Das Gehirn ist so unglaublich, in dem was es alles kann.

      • osterhasebiene langnase sagt:

        Mit dem Erinnern habe ich weniger Probleme. Da könnte ich ein dickes Buch schreiben detailreich von frühester Kindheit an gefüllt mit all dem perfiden Psychoterror. Sekte ist genau das richtige Wort dafür. Alles ist haarklein gespeichert. Was geblieben ist, ist Ohnmacht und Fassungslosigkeit ob der Herzlosigkeit und dem Zynismus. Ich glaube nicht, dass ich mit diesen Personen nochmal einen Kaffee trinken möchte. Was ich aber tatsächlich abgespalten hatte war, dass diese Taten so schlimm waren. Ich habe Gott und die Welt verdächtigt und konnte nichts mehr richtig einordnen. Mit Peter Teuschels Buch ist mir mehr als ein Licht aufgegangen.

        • maro sagt:

          Ohnmacht und Fassungslosigkeit lassen sich auch in einem therapeutischen Prozess gut verarbeiten. An diese Stelle kann dann Macht über sich selbst und sichere Gefasstheit treten.

          • osterhasebiene langnase sagt:

            Ja, ich weiß, es würde auch zusätzlich gut tun. Mit dem Wissen um die Ursache habe ich seltsamerweise auch meine Macht zurückbekommen und die innere Ruhe. Ich war noch nie so gefasst. Es ist ein bisschen so wie im Märchen Rumpelstilzchen. Mit dem Erraten des Namens (dem Benennen des Problems) hat es sich schon beinahe erledigt. Die Müllerstochter muss ja nun auch ihr Kind (inneres Kind) nicht mehr hergeben als Lohn für die unlösbare Aufgabe, Stroh zu Gold zu spinnen.

            • osterhasebiene langnase sagt:

              Eine Therapie, ja, würde schon gut tun. Denn irgendwann können selbst die besten Freunde das Gejammer nicht mehr hören. Nur zahlt mir diesen „Luxus“ bestimmt keine Kasse. Folgeschaden durch Psychotherapeuten(Terror), den man jahrzehntelang finanziell gesponsert hat. No way. Außerdem habe ich noch nicht mal „richtige“ Symptome wie z.B. Klaustrophobie. Alles schon überwunden und nicht mal mehr Angst vor dem Sterben…Unsereins muss sich schon selbst helfen. Langsam hat sich´s aber auch Ausgejammert. Alles wird gut.

    • maro sagt:

      „Professionelle Hilfe in oder her, mit oder ohne – ich stelle immer wieder fest, dass ich meine eigene Lern-Anal-yse letztendlich alleine durchwaten muss, um Bodenhaftung zu bekommen und das oft mehrmals “

      Es ist jedoch ein enormer Unterschied, ob beim alleine durchwaten jemand „unter die Arme greift“ und dadurch Schlimmeres vermieden werden kann. 😉

  14. Onrebus sagt:

    Zum Thema Therapie:
    Damit habe ich langjährige Erfahrungen. Natürlich ist es nur meine subjektive Erkenntnis, dass eine Therapie kein Patentrezept darstellt.Ein Tipp kann hilfreich sein, Orientierung geben, aber letzten Endes muß jeder von uns sein eigenes kleines Leben bewältigen. Nicht einmal der Partner kann es uns abnehmen.
    „Symptome“ haben wir doch alle. Wer oder was ist schon normal? Ich wünschte, ich könnte auch sagen, dass ich keine Angst vor dem Sterben hätte. Die Angst ist tief in uns verwurzelt. Sonst würden wir uns „wegen Furtz und Feuerstein“ sofort umbringen. Ich bin in einer Situation, die weit
    über das Schwarze Schaf hinausgeht. Ich habe keine Erwartungen für die Zukunft, versuche, jeden einzelnen Tag zu bewältigen. Meine Art von „Normalität“
    Die Selbsthilfe? Wohl Dem, der sie hinkriegt.

  15. osterhasebiene langnase sagt:

    Danke, ich weiß, es gibt noch viel Schlimmeres. Ich jammere auf hohem Niveau. Luxus-Probleme? Aber alles ist halt subjektiv. Und ich denke mir, wie schön hätte das Leben sein können, was hätte ich nicht alles verwirklichen können, es war sooo viel Potenzial da. Die Welt stand mir offen und ich konnte/durfte nicht zulangen, bin quasi vor dem gefüllten Teller verhungert. Es (was auch immer es genau war) hat mich immer wieder ausgebremst. Bin mit der angezogenen Handbremse Vollgas gefahren. Und jetzt ist mehr als die Hälfte meines Lebens vorbei. Dabei war ich immer Optimist und bin es auch jetzt noch. Ich weiß, leben muss man sein Leben schon selber, da führt kein Weg vorbei. Alles Gute!

  16. osterhasebiene langnase sagt:

    Vor knapp 30 Jahren habe ich mal eine Therapie angefangen. Im Nachhinein haben mich die wenigen Stunden doch sehr beeindruckt und ich denke heute immer noch mit einem guten Gefühl zurück. Damals habe ich gerade angefangen zu studieren und der Grund meiner Therapie war mein ungezügelter Appetit auf Süßigkeiten. Ich hatte einen Kontrollverlust beim Essen, das hat mich sehr gestört. Die Therapeutin hat auf nahezu alle meine Aussagen mit schallendem, herzlichem Gelächter reagiert. Das hat mich damals sehr irritiert und verwirrt, aber ich fühlte mich nicht ausgelacht oder gar beschämt. Es war angenehm, aber sehr ungewöhnlich. Kannte ich doch bisher fast nur verbiesterte Ernsthaftigkeit. Ich dachte tatsächlich, wenn ich jetzt nicht alle Bücher dieser Uni-Bibliothek auslese, dann habe ich überhaupt keine Daseinsberechtigung auf dieser Erde. Die Therapeutin konnte mir „nur“ dieses Lachen anbieten, das war die einzig richtige und heilsame Antwort. Ich habe das nie vergessen, aber heute verstehe ich es erst richtig. Die Angst vor „Schlimmerem“ ist oft die Angst vor dem „Sich-Fallenlassen“, die Angst, dumm dazustehen. Wenn ein gewisser Punkt überschritten ist und der Weg so nicht mehr weitergeht (auf gar keinen Fall!), dann kann/muss man sich fallenlassen und spürt, dass der Boden unter den eigenen Füssen trägt, dass das alles nur „Hirngespinste“ waren, denen man aufgesessen ist.

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